EADT meets DGPro 2026: Werkstoffkunde neu gedacht

EADT

Werkstoffkunde, 3D-Druck, künstliche Intelligenz, MDR, digitale Workflows – die Themenliste des EADT-Werkstoffkunde-Forums auf der DGPro-Jahrestagung 2026 war lang. Im Mittelpunkt stand jedoch eine übergeordnete Frage: Was entscheidet heute über den Erfolg prothetischer Versorgungen? 

Mit „EADT meets DGPro: Sharing is Caring“ gestaltete der EADT das Werkstoffkunde-Forum auf der DGPro-Jahrestagung 2026 in Bonn. Auf einer der wichtigsten wissenschaftlichen Bühnen der Prothetik wurde sichtbar, was den EADT seit Jahren auszeichnet: der Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis, Labor und Industrie. Passend zum DGPro-Leitthema „Prothetische Zahnmedizin meets Medizin“ zeigte der Tag, wie eng Werkstoffkunde, klinische Entscheidungen, digitale Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit miteinander verknüpft sind.

Vom TEAM-Talk in die Workshops

Bereits am Vorabend hatte der EADT e.V. mit einem TEAM-Talk Spezial und Prof. Dr. Stefan Wolfart als Gast den fachlichen Auftakt gesetzt. Am Freitagmorgen ging es dann mit zwei praxisnahen Workshops weiter. Adham Elsayed (Kuraray Noritake) nahm die Teilnehmenden mit auf einen ebenso fundierten wie praxisnahen Streifzug durch die adhäsive Befestigung. Im Mittelpunkt stand weniger das Rezept als die Frage, welche Befestigungsstrategie für welche Indikation die richtige ist. Parallel zeigte Stefan Roozen gemeinsam mit GC, wie sich monolithische Versorgungen durch gezieltes Micro-Layering ästhetisch weiterentwickeln lassen. Anhand konkreter Fallbeispiele wurde deutlich, wie eng Werkstoffkunde, Ästhetik und klinische Anwendung heute miteinander verknüpft sind. 


Werkstoffkunde 2026: Wo stehen wir heute?

Die restaurative Zahnmedizin verändert sich rasant. Monolithische Versorgungen sind etabliert, digitale Prozesse entwickeln sich weiter und neue Werkstoffe erweitern kontinuierlich die Möglichkeiten. Diese Entwicklung stand im Mittelpunkt des Auftaktvortrags von Felicitas Mayinger, Bogna Stawarczyk und Carsten Fischer. Schnell wurde deutlich: Die Diskussion dreht sich längst nicht mehr nur um Festigkeitswerte. Während sich monolithische Versorgungen etabliert haben, rücken Fragen nach Biologie, Ästhetik und Prozesseffizienz in den Vordergrund. Auch der keramische 3D-Druck stand auf dem Prüfstand; die Technologie entwickelt sich schnell, stößt derzeit aber noch an materialwissenschaftliche Grenzen.

Take home:

Die Herausforderung liegt nicht im nächsten neuen Material, sondern darin, aus der Fülle an Möglichkeiten die richtigen Entscheidungen abzuleiten. Ein Ansatz: materials evidens – eine Plattform, die wissenschaftliche Literatur kontinuierlich screent und über einen KI-gestützten Wissensagenten direkt im Praxis- und Laboralltag nutzbar macht.


Keramiken im Wandel: Wenn Kommunikation zum Erfolgsfaktor wird

Keramiken waren das Thema. Kommunikation war die eigentliche Botschaft. Marcus Engelschalk und Stefan Roozen machten deutlich, dass trotz digitaler Workflows, KI und immer leistungsfähigerer Planungstools die Kommunikation zwischen Praxis und Labor noch immer eine der größten Herausforderungen im Alltag ist. Digitalisierung allein löst diese Probleme nicht. Es braucht eine gemeinsame Sprache, klare Prozesse und ein gemeinsames Verständnis der therapeutischen Ziele.

Anhand von Patientenfällen zeigten die Referenten, wie moderne Prothetik heute entstehen kann: Fotos, DVT-Daten, Smile-Designs und chirurgische Planungen werden digital zusammengeführt, Therapieoptionen simuliert und vor dem ersten Eingriff interdisziplinär abgestimmt. Deutlich wurde auch, wie differenziert Werkstoffentscheidungen sind. Während Silikatkeramiken Maßstäbe in der Ästhetik setzen, spielt Zirkonoxid seine Stärken dort aus, wo Biologie und Weichgewebemanagement im Fokus stehen. Das „beste Material“ gibt es pauschal nicht. Entscheidend ist der klinische Kontext.

EADT

Take home:

Digitalisierung verbessert die Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Entscheidend bleibt jedoch, wie gut Praxis und Labor Informationen austauschen und gemeinsame Entscheidungen treffen.


Polymere und Hybridwerkstoffe: Mehr als nur eine Alternative?

Brauchen wir überhaupt noch Keramik? Dieser Frage gingen Christian Hannker und Moritz Hoffmann nach und zeigten, warum die Antwort heute differenzierter ausfällt als noch vor wenigen Jahren. Im Mittelpunkt standen gedruckte und gefräste Komposite, Lithiumdisilikat und Zirkonoxid. Ihr Ansatz führte direkt zum Kern der Werkstoffkunde. Ob Glasmatrix, Kristallstruktur oder Polymergefüge: die innere Struktur eines Materials bestimmt die Eigenschaften, die Verarbeitung und letztlich die klinischen Einsatzmöglichkeiten. Gleichzeitig zeigte der Vergleich additiver und subtraktiver Fertigung, dass Prozesseffizienz und klinische Langzeitstabilität nicht immer Hand in Hand gehen. 3D-Druckverfahren gewinnen zwar zunehmend an Bedeutung, für hochbelastete definitive Versorgungen bleiben keramische Werkstoffe jedoch vorerst der Referenzstandard. 

Im Mittelpunkt standen gedruckte und gefräste Komposite, Lithiumdisilikat und Zirkonoxid. Ihr Ansatz führte direkt zum Kern der Werkstoffkunde. Ob Glasmatrix, Kristallstruktur oder Polymergefüge: die innere Struktur eines Materials bestimmt die Eigenschaften, die Verarbeitung und letztlich die klinischen Einsatzmöglichkeiten. Gleichzeitig zeigte der Vergleich additiver und subtraktiver Fertigung, dass Prozesseffizienz und klinische Langzeitstabilität nicht immer Hand in Hand gehen. 3D-Druckverfahren gewinnen zwar zunehmend an Bedeutung, für hochbelastete definitive Versorgungen bleiben keramische Werkstoffe jedoch vorerst der Referenzstandard. 

Take home:

Die entscheidende Frage lautet nicht „Keramik oder Komposit?“, sondern welches Material die Anforderungen der jeweiligen Indikation am besten erfüllt.


3D-Druck: Zwischen Innovation und Evidenz

Alexis Ioannidis und Andrea Patrizi widmeten sich der additiven Fertigung und zeigten, wie digitale Planung, Backward Planning und 3D-Druck ineinandergreifen. Viele Anwendungen, die vor wenigen Jahren noch als Vision galten, bestimmen heute ihren klinischen Alltag. Kritisch beleuchteten die Referenten jedoch die Grenzen: Während die Technologie enorme Sprünge macht, hinkt die wissenschaftliche Datenlage der Entwicklungsgeschwindigkeit hinterher. Gedruckte Provisorien sind klinisch etabliert, für definitive Restaurationen fehlen jedoch belastbare Langzeitdaten. Das typische Spannungsfeld neuer Technologien: Technisch ist vieles machbar – entscheidend ist, ab wann ausreichend Evidenz vorliegt, um Verfahren sicher in die definitive Patientenversorgung zu integrieren. Ein realistischer Blick auf den 3D-Druck: weg vom Hype, hin zur klinischen Einordnung.

Take home:

Technisch ist vieles möglich. Entscheidend ist, wann ausreichend klinische Evidenz vorliegt, um neue Verfahren dauerhaft in die Patientenversorgung zu integrieren.


MDR im Praxischeck: Wie viel Regulierung braucht Innovation?

Nach Werkstoffen, digitalen Workflows und neuen Fertigungstechnologien stellte sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie werden aus neuen Entwicklungen sichere Anwendungen im Praxisalltag? Nina Lümkemann und Martina Schmitz beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Schnell wurde klar: Die MDR ist kein Thema, das nur Hersteller betrifft. Die Anforderungen reichen in den Alltag von Praxen und Laboren hinein. Chargendokumentation, Rückverfolgbarkeit, Konformitätserklärungen und Dokumentationspflichten gehören heute dazu.

Gleichzeitig zeigten die Referentinnen, dass die MDR ein Innovationsthema ist. Denn je höher die regulatorischen Anforderungen werden, desto aufwendiger und kostspieliger wird die Entwicklung neuer Produkte. Für Hersteller stellt sich zunehmend die Frage, welche Innovationen überhaupt noch wirtschaftlich realisierbar sind. Hier setzt das Konzept der „Well Established Technologies“ (WET) an.

Dahinter steht die Idee, bewährte Werkstoffklassen regulatorisch differenzierter zu bewerten und vorhandene wissenschaftliche Evidenz sowie etablierte Leitlinien stärker zu berücksichtigen. Ein Ansatz, der künftig dazu beitragen könnte, Patientensicherheit und Innovation besser miteinander in Einklang zu bringen.

Take home:

Patientensicherheit und Innovation sind kein Widerspruch. Die Herausforderung besteht darin, beide Ziele sinnvoll miteinander zu verbinden.


Mehr als Werkstoffkunde

Spätestens in der Podiumsdiskussion war klar: Die Themen des Nachmittags lassen sich nicht getrennt voneinander denken. Aus dem Publikum kamen weniger Fragen zu einzelnen Materialien – sondern dazu, wie der Praxisalltag das alles verarbeiten soll.

  • Wie kommuniziert man in digitalen Workflows? 
  • Wer behält bei der wachsenden Zahl von Werkstoffen und Verfahren noch den Überblick?
  • Und wie passen Innovation und Patientensicherheit zusammen? 
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Drei Fragen, ein Nenner: Nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg, sondern der Austausch zwischen den Menschen, die sie anwenden. Wissenschaftliche Expertise, klinische Erfahrung und zahntechnische Perspektive trafen in Bonn aufeinander. 

Fortsetzung folgt am 9.-11.September 2027 bei der 74. DGPro-Jahrestagung in Münster.


TEAM-Talk

für Zahnmedizin, Zahntechnik, Dentaltechnologie, Wissenschaft