Ob Zirkonoxid, Legierung, Polymer oder Silikatkeramik – die richtige Oberflächenkonditionierung entscheidet maßgeblich über die Qualität der adhäsiven Befestigung. Doch welche Vorbehandlung ist für welches Material sinnvoll? Eine internationale Studie mit anschließendem Expertenkonsens liefert Antworten und fasst diese in 23 praxisnahen Empfehlungen für Zahnmedizin und Zahntechnik zusammen.
Die Oberflächenkonditionierung für die adhäsive Befestigung von dentalen Restaurationen umfasst mechanische und chemische Vorbehandlungsschritte. Die hier vorgestellte Untersuchung beleuchtet beide Verfahren und zeigt deren Bedeutung für eine sichere und dauerhafte adhäsive Befestigung.
Die mechanische Vorbehandlung erfolgt durch Korundstrahlen, wobei Schleifpartikel, in der Praxis meist Aluminiumoxid (25 µm bis 250 µm), auf die Restaurationsoberfläche gestrahlt werden. Dabei sollte ein Druck von bis zu 1,2 MPa (bei Zirkonoxid nur 0,1 MPa) bei einem Abstand von 5–10 mm und einem Winkel von 45° zur Restauration beachtet werden. Je nach Partikelgröße und ausgeübtem Druck kann die Oberfläche gereinigt, vergrößert und das Rauheitsprofil verändert werden. Die erzeugte Rauheit ist entscheidend für den mechanischen Verbund und verbessert gleichzeitig die Benetzbarkeit mit Adhäsivsystemen. Zusätzlich erfolgt eine chemische Vorbehandlung mit geeigneten Adhäsivsystemen, die eine dauerhafte Haftfestigkeit gewährleisten.
Grundsätzlich sollten Restaurationen aus Zirkonoxid, Legierungen, PEEK und Polymeren (PMMA, Komposite) vor der Befestigung durch Korundstrahlen behandelt werden. Dabei müssen die Parameter stets materialspezifisch angepasst werden, da eine unsachgemäße Anwendung die Biegefestigkeit durch Mikrorisse und Oberflächenbeschädigungen beeinträchtigen kann. Bei Silikatkeramiken gilt im Moment noch die Ätzung mit Flusssäure als Goldstandard der Oberflächenvorbereitung. Korundstrahlen wird als mögliche Alternative diskutiert, da es bei korrekter Anwendung eine ähnliche Haftwirkung erzielen kann.
Da die Oberflächenvorbereitungen in der Praxis stark variieren, war das Ziel der vorliegenden Studie, das Wissen und die Anwendungspraxis der Teilnehmenden zu erfassen. Zusätzlich soll die Bedeutung der korrekten Oberflächenvorbehandlung untermauert werden, indem Empfehlungen eines Expertengremiums für allgemeine und materialspezifische Arbeitsabläufe bei der adhäsiven Befestigung von Restaurationen vorgestellt werden.

Studiendesign
Die vorliegenden Erkenntnisse basieren auf einer anonymen Querschnittsbefragung mit 267 Teilnehmern (Zahnärzte, Zahntechniker und Zahnmedizinische Fachangestellte) aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, durchgeführt von April bis Juli 2023. Der Fragebogen umfasste 47 Fragen zur Vorbehandlung von Restaurationen vor dem Befestigen, Befestigungsprotokolle, und Teilnehmerdemografie. Anschließend bewertete ein Expertengremium aus 23 Fachleuten die Ergebnisse und erarbeitete 23 praxisrelevante Empfehlungen für die adhäsive Befestigung zahnärztlicher Restaurationen.
Was die Umfrage zeigt
Die Ergebnisse zeigen, dass Korundstrahlen in der Praxis weit verbreitet ist: Fast alle Teilnehmer (96 %) verfügen über ein Gerät, und über 94 % gaben an, Aluminiumoxid zu verwenden. Über 87 % der Befragten haben bereits praktische Erfahrung mit dem Korundstrahlen von Aluminiumoxid gesammelt, knapp ein Viertel wendet es täglich mehr als viermal an. Gleichzeitig gaben zwei Drittel (66 %) an, nie eine formale Einweisung erhalten zu haben. Die Mehrheit (57 %) orientiert sich bei der Parameterwahl an der eigenen Erfahrung. Herstellerangaben und wissenschaftliche Evidenz werden seltener genannt.

Korundstrahlen wird laut Umfrage am häufigsten bei Zirkonoxid eingesetzt (83 %), gefolgt von PMMA-basierten Kunststoffen (56 %), Legierungen (55 %) und indirekten/semidirekten Kompositen (54 %). Bei Silikatkeramiken kommt es deutlich seltener zur Anwendung (28 %).

Bei über der Hälfte (57 %) wird die zu behandelnde Oberfläche vorab nicht speziell vorbereitet, ein Drittel nutzt Wasserdampf, 12 % markieren mit Bleistift oder Filzstift. Rund ein Viertel der Teilnehmer gab an, dass die korrekten Parameter für Zirkonoxid, Polymerrestaurationen oder Legierungen unklar sind. Nur 41 % können sich vorstellen, Korundstrahlen bei Silikatkeramiken als Alternative zur Flusssäureätzung einzusetzen. Ob eine bereits gestrahlte Restauration nach der Anprobe erneut behandelt werden soll, beantworteten die Teilnehmer nahezu hälftig: 48 % würden das Korundstrahlen wiederholen, 52 % nicht.

Unter den Zahnärzten gaben 86 % an, dass sie eine Zirkonoxidkrone nach provisorischer Befestigung mit eugenolhaltigem Zement, konventionell zementieren würden. Universaladhäsive wurden für Zirkonoxid von 47 % und für Silikatkeramik von 59 % der befragten Zahnärzte verwendet. Knapp 64 % verwendeten für Zirkonoxid ein MDP-haltiges Adhäsiv, 56 % für Silikatkeramik ein Silan. Bei beiden Fragen gab etwa jeder zehnte Zahnarzt an, dass ihm die Zusammensetzung des Adhäsivsystems unklar sei. Drei von vier Teilnehmern (76 %) wünschen sich mehr Ausbildung zum Thema in Studium, Ausbildung oder Fortbildung.

23 Empfehlungen des Expertengremiums
Allgemein
Verfügbarkeit
| Der Zugang zu einem Korundstrahl-Gerät ist mit einer höheren Anwendungsrate vor der Befestigung assoziiert und damit mit einem besseren Langzeiterfolg der Restauration. Ein entsprechendes Gerät sollte daher in jeder Praxis und jedem Labor vorhanden sein. |
Training
| Da wissenschaftlich fundierte Parameterauswahl mit Erfahrung, Alter und gezieltem Training zusammenhängt, sollten alle Anwender regelmäßig geschult werden. |
Kommunikation
| Nur etwas mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer kommuniziert darüber, ob und wann Korundstrahlen in Labor und Praxis durchgeführt wird. Dies erhöht das Risiko, dass Restaurationen doppelt oder gar nicht gestrahlt werden. Eine klare, idealerweise schriftlich festgehaltene Aufgabenteilung ist empfehlenswert. |
Markierung
| Um sicherzustellen, dass alle Oberflächen der Restauration gleichmäßig behandelt werden, empfiehlt sich eine vorherige Markierung mit einem Bleistift oder Filzstift. Verbinder bei mehrgliedrigen festsitzenden Zahnersatzversorgungen sollten gezielt abgedeckt werden. |
Vorbereitung des Korundstrahlens
| Alle relevanten Parameter sollten beim Korundstrahlen berücksichtigt werden: die Art des Schleifmittels, der ausgeübte Druck, die Dauer, der Abstand zwischen Düse und Restauration sowie der Winkel zwischen Düse und Restauration. |
Zielsetzung
| Die Experten nennen folgende Ziele des Korundstrahlens: Oberflächenvergrößerung, Reinigung, Erhöhung der Benetzbarkeit und damit Verbesserung der Stabilität der Restauration. Zudem die effiziente Entfernung von Einbettmasseresten. |
Sicherheit
| Die Anwendung im Sitzen ermöglicht eine höhere Präzision, insbesondere bei definitiven Restaurationen. Die Verwendung von Handschuhen ist für alle Berufsgruppen empfohlen. |
Reinigung
| Die Reinigungsprotokolle variieren stark laut Querschnittsumfrage stark. Sofern vorhanden, sollten die Herstellerempfehlungen zur Gerätereinigung befolgt werden. |
Parametereinstellungen
Die Einstellungen müssen materialspezifisch angepasst werden. Zu hoher Druck kann Mikrorisse verursachen, zu niedriger Druck eine unzureichende Oberflächenrauheit. Beides gefährdet die Langzeithaftung.
- Zirkonoxid: 50 µm Aluminiumoxid bei 0,1 MPa
- Polymerrestaurationen: 50 µm Aluminiumoxid bei 0,1 MPa
- Legierungen: 110 µm Aluminiumoxid bei 0,2 MPa

Abstand
| Ein Abstand von 5–10 mm zwischen Düse und Restauration haben sich für eine gleichmäßige Abrasion bewährt. |

Winkel
| Ein Winkel von 45° hat sich für eine gleichmäßige Abrasion bewährt. Bei schlanken und langen Hohlräumen ist ein konstanter Winkel jedoch nicht immer praktikabel. |

Dauer
| Die Dauer des Korundstrahlens sollte materialspezifisch begrenzt werden. Bei Polymerrestaurationen ist eine Dauer von unter 20 Sekunden empfohlen, da eine zu lange Exposition Mikrorisse und eine übermäßige Oberflächenrauheit verursachen kann. |
Vorbehandlungen zur Befestigung von Zahnrestaurationen
- Provisorische Befestigung: Wurde eine Zirkonoxidrestauration zuvor mit eugenolhaltigem Zement provisorisch befestigt, empfehlen die meisten Experten eine konventionelle, nicht-adhäsive Zementierung. Korundstrahlen allein ist jedoch ausreichend, um polymerisationshemmende Eugenolanteile zu beseitigen und so eine zuverlässige adhäsive Befestigung zu ermöglichen.
- Reinigung von Silikatkeramik: Nach der Ätzung mit Flusssäure empfiehlt die Literatur eine Reinigung der Silikatkeramik mit Phosphorsäure vor der Silanisierung, um Ätzrückstände zu entfernen und die Haftfläche zu optimieren.
- Phosphorsäure: Zirkonoxidrestaurationen, die durch Korundstrahlen vorbehandelt wurden, dürfen nicht mit Phosphorsäure gereinigt werden. Diese Methode besetzt zukünftige Bindungsstellen vorzeitig und beeinträchtigt damit die Haftfestigkeit.
- Universaladhäsive: Universaladhäsive sind eine praktikable Option für die adhäsive Befestigung. Dedizierte Restaurationsprimer zeigen jedoch tendenziell höhere und dauerhaftere Haftfestigkeiten.
- Zirkonoxid: Die Wahl des Adhäsivsystems beeinflusst die Langzeithaftung direkt. Für die adhäsive Befestigung von Zirkonoxidrestaurationen sollte das Adhäsiv MDP-Monomere enthalten.
- Silikatkeramik: Für Silikatkeramik sollte das Adhäsiv Silan enthalten. Ein separater Primer mit Silan und Phosphatmonomer kann dabei eine dauerhaftere Bindung erzielen als Silan, das direkt in ein Universaladhäsiv integriert ist.
- Anprobe: Kontamination mit Speichel oder Blut beeinträchtigt die Haftfestigkeit nachweislich. Nach der Anprobe empfiehlt sich daher entweder ein erneutes Korundstrahlen oder spezielle Reinigungsprodukte.
- Abgelöste Restaurationen: Bei abgelösten Restaurationen besteht unter den Experten Einigkeit. Ein erneutes Korundstrahlen ist obligat, um Zementreste zu entfernen und eine neue Haftfläche zu schaffen.
Fazit
Korundstrahlen ist in Praxis und Labor etabliert, die Anwendung erfolgt jedoch häufig uneinheitlich. Die Konsensusempfehlungen des Expertengremiums bieten eine wissenschaftlich fundierte Orientierung für materialspezifische Arbeitsabläufe und eine sichere adhäsive Befestigung.
Untersuchung
Mayinger F, Lankes V, Roos M, Rohr N, Ioannidis A, Elsayed A, Güth J, Edelhoff D, Passia N, Esmail I, Beuer F, Wolfart S, Speis BC, Schimmel M, Abou-Ayash S, Hahnel S, Schlenz M, Frankenberger R, Blunck U, Kraus D, Engelschalk M, Hüttig F, Kern M, Lührs A-K, Gierthmuehlen P, Stawarczyk B. Surface pretreatment protocols for indirect/semi-direct dental restorations: a cross-sectional survey and expert consensus. J Adhes Dent 2025;27:123-136. doi:10.3290/j.jad.c_2106
