Der zahnlose Oberkiefer gilt als eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Implantatprothetik – fachlich wie menschlich. Beim TEAM-Talk Spezial 2026 in Bonn zeigte Prof. Dr. Stefan Wolfart, wie eng Evidenz, Patientenperspektive sowie Praxis und Labor zusammengehören.
Die Zahl zahnloser Patientinnen und Patienten geht zurück, und doch bleibt der zahnlose Oberkiefer auf jedem großen Kongress präsent. Prof. Dr. Wolfart nutzte beim TEAM-Talk diesen scheinbaren Widerspruch als Einstieg für eine grundsätzliche Haltung: Implantologie soll eine Lösung für tatsächlich zahnlose Patienten sein – nicht ein Grund, Patienten zahnlos zu machen. Eine Botschaft, die er bewusst an den Anfang stellte, weil sie die Verantwortung von Zahnmedizin und Zahntechnik gleichermaßen betont: Jede Therapieentscheidung beginnt mit der Frage, was für diesen einen Menschen tatsächlich nötig ist und nicht, was machbar ist.
Die Patientenperspektive zuerst
Eine vielzitierte Studie aus den 1990er-Jahren zeigte, was Zahnverlust für Betroffene bedeutet. Aussagen wie „das Ende der Welt“ oder „der Verlust von Selbstsicherheit“ verdeutlichen: Zahnersatz ist für die Patienten kein technisches, sondern ein zutiefst persönliches Thema. Hier setzt Stefan Wolfarts Botschaft an: Die wissenschaftliche Frage ist nicht mehr, ob Implantattherapie funktioniert, sondern welche Therapieform für das individuelle Patientenprofil optimal ist.


Das Patientenprofil als Entscheidungsgrundlage
Er stellte ein Modell aus einem aktuellen ITI Treatment Guide vor, das die Therapieentscheidung an einem mehrdimensionalen Patientenprofil festmacht: Wunsch nach chirurgischer Invasivität, gewünschte Funktion und Festigkeit, ästhetische Ansprüche, Gewebeangebot, finanzielle Möglichkeiten und das individuelle Risiko für Implantatverlust (z. B. durch Rauchen, Parodontitis-Vorgeschichte oder unzureichende Mundhygiene). Aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ergibt sich, ob herausnehmbar oder festsitzend, wie viele Implantate und welches Halteelement sinnvoll sind.
Bei Patientinnen und Patienten mit Parodontitis-Vorgeschichte ist von einem erhöhten Implantatverlustrisiko auszugehen. Patienten müssen über das erhöhte Implantatverlustrisiko aufgeklärt werden – ein Punkt, der auch in der aktuellen Leitlinie verankert ist.
Festsitzend oder herausnehmbar – eine Frage, die oft zu früh gestellt wird
Der Referent sensibilisierte dafür, Patienten nicht zu früh oder pauschal vor die Wahl „fest oder herausnehmbar“ zu stellen. Eine Studie, in der Patienten beide Versorgungsformen acht Wochen lang trugen, zeigte: Die Mehrheit entschied sich am Ende für die herausnehmbare Variante, unter anderem wegen der besseren Sprachfunktion und Reinigbarkeit. Bei festsitzenden Konstruktionen mit Verbindern kann das konstruktionsbedingt eingeschränkt sein. Wolfart nutzte die Studie nicht als generelle Empfehlung für herausnehmbare Konzepte, sondern als Hinweis darauf, wie stark individuelle Prioritäten die Entscheidung beeinflussen können. Anschaulich wurde der Zusammenhang durch ein Video einer Computertomographie während des Sprechens. Sie zeigte, welchen Einfluss die Prothesengestaltung auf die Phonetik haben kann.
Atrophiegrad bestimmt das Halteelement
Für herausnehmbare Versorgungen gilt: Bei geringer bis mittlerer Atrophie eignen sich Kugelkopf- oder Locator-Attachments gut. Bei ausgeprägter Atrophie – mit entsprechend langen Hebelarmen – sind Stege oder Teleskope oft die robustere Wahl, da sie parallel zueinander geführt werden können und die Implantate primär verblocken. Stefan Wolfart illustrierte das anhand des Fallbeispiels einer Patientin mit zwei Locatoren im Unterkiefer, die über Jahre kaum essen konnte. Die Lösung über zwei Teleskope brachte ihr die Lebensqualität zurück. Wie viele Implantate tatsächlich nötig sind, hängt vom Patientenprofil ab. Der Referent verwies auf die Arbeiten von Matthias Kern, die zeigen: Bei entsprechend geringen funktionellen Ansprüchen kann im Unterkiefer ein einzelnes Implantat mit Kugelkopf oder Locator sinnvoll sein. Im Oberkiefer ist die Ausgangslage in der Regel anspruchsvoller.
Festsitzend: vier Implantate als Minimum, gute Verteilung entscheidend
Nach Wolfart bilden vier gut verteilte Implantate die Grundlage für festsitzende Versorgungen im Ober- wie Unterkiefer. Bei der Befestigung verglich Wolfart drei Systeme:
- Zementierung: erlaubt einen spannungsfreien Sitz (Passive Fit), hat aber den Nachteil der schwierigen Abnehmbarkeit, ein Problem angesichts der Häufigkeit von Periimplantitis über die Tragedauer. Zementierungsgrenzen sollten supragingival oder nur minimal subgingival liegen; mit zunehmender subgingivaler Tiefe steigt das Risiko, Zementreste zu übersehen.
- Angulierte Verschraubungssysteme: ermöglichen eine deutliche Winkelkompensation, sind aber herstellerspezifisch unterschiedlich. Die Dokumentation des verwendeten Schraubendrehers ist wichtig; idealerweise inklusive Übergabe an den Patienten.
- Multi-Unit-Abutments: bieten hohe Planungssicherheit und sind besonders bei komplexen Angulationen vorhersagbar. Die Plattformhöhe muss hier jedoch sorgfältig geplant werden.


Materialwahl: Evidenz vor Hype
Ein Schwerpunkt lag auf der aktuellen internationalen Konsensus-Leitlinie zum zahnlosen Oberkiefer. Die Empfehlung für festsitzende Vollkieferversorgungen: Metallkeramik oder ein Titansteg mit aufgesetzter monolithischer bzw. mikroverblendeter Zirkonoxid-Suprakonstruktion. Eine reine monolithische Zirkonoxid-Brücke ohne Steg wird nur dann empfohlen, wenn die Implantate gut verteilt sind und Verbindungsglieder vermieden werden. Anhänger und Cantilever sind nach Studienlage besonders bruchanfällig.
Bemerkenswert war Stefan Wolfarts Offenheit im Umgang mit der Evidenzlage: Belastbare Langzeitdaten existieren bislang vor allem für Zirkonoxide der 1. Generation (3Y-TZP), während für die heute häufig verwendeten transluzenteren Varianten entsprechende Untersuchungen ausstehen. Statt daraus ein Verbot abzuleiten, plädierte er für einen reflektierten Umgang mit dieser Unsicherheit. Eine Empfehlung sei kein Dogma, sondern der aktuell beste gemeinsame Nenner einer internationalen Expertenrunde. Metallkeramik bleibt damit – trotz des Chipping-Risikos – eine abgesicherte Option.
Digitale Planung trifft analoge Erfahrung
Stefan Wolfart zeigte auch, wie digitale Planung (DVT-basierte Bohrschablonen, Sofortabformung über Marker) und klassische zahntechnische Schritte (Verifikationsindex, Wax-up-Übertragung) zusammenspielen. Der Ausgangspunkt ist immer das prothetische Ziel: Erst das Set-up, dann die Implantatpositionen. Dieses Backward Planning funktioniert nur, wenn Chirurgie, Prothetik und Zahntechnik von Anfang an gemeinsam denken.
Sein Fazit zur Technologiefrage der intraoralen Datenerfassung: Die optische Abformung ist bei guter Umsetzung der konventionellen ebenbürtig, aber sollte kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist nicht das Werkzeug, sondern ein eingespieltes Team, das die jeweilige Methode sicher beherrscht. Gerade die Sofortversorgung sei durch digitale Workflows deutlich planbarer geworden, verlange aber genau deshalb noch mehr Abstimmung zwischen den Disziplinen.
Mehr als eine Frage der Implantate
Der TEAM-Talk Spezial 2026 hat deutlich gemacht: Im zahnlosen Oberkiefer gibt es selten die eine richtige Lösung. Entscheidend sind das individuelle Patientenprofil, die sorgfältige Abwägung der Therapieoptionen und das Zusammenspiel von Chirurgie, Prothetik, Zahntechnik und Werkstoffkunde. Implantate sollten eine Lösung für zahnlose Patienten sein – nicht der Grund, Patienten zahnlos zu machen. Die Frage „fest oder herausnehmbar?“ sollte nicht zu früh gestellt werden. Und bei der Materialwahl gilt: Evidenz schlägt Hype.

Austausch endet beim TEAM-Talk nicht mit der letzten Folie. Beim gemeinsamen Dinner-Talk blieb Zeit für persönliche Gespräche, neue Kontakte und den Austausch zwischen Praxis, Labor, Wissenschaft und Industrie – ganz ohne Agenda.
